Über das Leben, die Liebe und den Tod
Eine Hommage an den liebevollsten, lebensbejahendsten Kater der Welt – und daran, warum wir unser Leben nicht aufschieben sollten
Es gibt Momente im Leben, die einfach ewig andauern und auch bei längerem Nachdenken keinen Sinn ergeben. Mittwoch, der 22. Juli 2026 – alles war wie immer, zumindest dachte ich das.
Unser orangefarbener Kater Lio, den wir auch gern Gelbi oder der Goldene nannten, lief mit uns spazieren, so wie er es immer tat, wie ein Hund. Es war zu einem festen Ritual geworden. Wir gingen zur Tür, und er sprang auf, um mitzukommen. Der Friedhof war sein liebster Spielplatz, doch an diesem Mittwoch gingen wir in die andere Richtung, um Brombeeren zu pflücken. Irgendwann trennten sich unsere Wege, und er blieb zurück – auch das war wie immer, denn er entschied selbst, bis wohin er uns begleitete, und wartete meistens an derselben Stelle, bis wir zurückkamen.
Nur dieses Mal wartete er nicht, und er kam auch nicht mehr nach Hause.
Die Feuerwehr brachte ihn nachts um 1:30 Uhr. Unversehrt, aber tot. Er war gerade einmal fünf Jahre alt, und noch an exakt diesem Tag war er lustig, verspielt und voller Lebensfreude gewesen. Er wirkte gesund, zumindest schien es so.
Dass wir überhaupt so schnell Gewissheit hatten, verdanken wir einem Zufall, der eigentlich keiner ist. Beide Kater sind gechippt, weil sie für unser Mexiko-Jahr reisen mussten. Ohne diesen Chip hätte man Lio nicht zuordnen können, und wir wären bis heute im Ungewissen. Innerhalb weniger Stunden meldeten sich gleich drei Institutionen bei uns: die Dresdner Feuerwehr, die Organisation Tasso, die Chipdaten in Deutschland verwaltet, und sogar eine mexikanische Institution rief bei uns an. Danke an alle drei dafür, dass wir wenigstens diese Ungewissheit nicht auch noch tragen mussten.
Jetzt ist unser Haus still, aber nicht auf die angenehme Art. Es ist die beklemmende Stille, bei der man an jeder Ecke erwartet, dass gleich jemand herumkommt, und genau das nicht passiert. Weinen, Schreien und Umarmungen wechseln sich ab, während mein Verstand verzweifelt nach einem Warum sucht.
Warum stirbt ein gesunder, lebensfroher Kater einfach so? Hätten wir etwas anders machen können? Hätten wir ihn mitnehmen sollen, oder doch die Friedhofsrunde machen sollen, statt Brombeeren zu pflücken? Ich glaube, auf viele dieser Fragen werde ich nie eine Antwort bekommen, und vielleicht ist genau das das Schwerste.
Was der Tod sichtbar macht
Seit zwei Tagen denke ich viel über das Leben nach. Ich habe gerade mehr Fragen als je zuvor. Aber eine Erkenntnis hat sich still in mir ausgebreitet. Wie selbstverständlich wir das Leben oft nehmen, das wissen wir eigentlich schon lange, doch der Tod macht es auf eine Weise bewusst, die durch nichts anderes zu ersetzen ist.
Damit meine ich nicht, dass wir undankbar sind. Ich glaube sogar, dass wir Menschen oft sehr dankbar sein können und trotzdem Dinge übersehen, denn das Leben besteht aus tausend kleinen Augenblicken, die wir erst vermissen, wenn sie nicht mehr da sind, wie eine Katze, die an der Terrassentür sitzt und wieder hinaus möchte, ein gemeinsamer Spaziergang, das Geräusch kleiner Pfoten auf dem Fußboden, ein vertrauter Blick – etwas, das vorgestern noch Alltag war und heute unendlich kostbar erscheint.
Warum wir unser Leben nicht aufschieben sollten
In den letzten Tagen habe ich viel über mein eigenes Leben nachgedacht, und dabei ist mir etwas Wichtiges klargeworden, was ich dir gern mitgeben möchte. Es geht meines Erachtens nicht darum, jeden Moment, so zermürbend er sich für dich auch anfühlt, stumpf zu genießen und keine Ziele mehr zu verfolgen, denn das wäre nicht meine Wahrheit.
Es geht darum, das Leben nicht aufzuschieben, während wir gleichzeitig lernen, es im Hier und Jetzt wertzuschätzen.
Mein Mann und ich haben unser Leben immer wieder mutig verändert. Wir haben unsere sichere Anstellung hinterfragt, unsere Tochter durch ihre schwerste Zeit begleitet, unser Haus vermietet, unsere beiden Kater eingepackt und sind für ein Jahr nach Mexiko ausgewandert, weil wir tief gespürt haben, dass es an der Zeit war. Dieses Jahr hat unsere Familie verändert, uns wachsen lassen, unsere Tochter zurück ins Leben geführt und mir den Weg in meine Berufung gezeigt. Ich würde all diese Entscheidungen jederzeit wieder treffen.
Und ich weiß jetzt, wie viel mehr an dieser einen Entscheidung hing, als uns damals bewusst war. Ausgerechnet weil wir diese Reise nicht länger aufgeschoben haben, waren unsere Kater gechippt und wir konnten in der schlimmsten Nacht unseres Lebens wenigstens Gewissheit haben, statt auch noch im Ungewissen zu bleiben.
Wenn dein Herz schon lange weiß, dass etwas nicht mehr stimmig ist, dann geh. Warte nicht jahrelang, und verschiebe dein Leben nicht auf später. Aber verliere auf deinem Weg nicht das Leben, das längst da ist, denn genau das ist mir in den letzten Tagen bewusst geworden. Man kann mutig sein, sich weiterentwickeln, sein Leben verändern, und trotzdem irgendwann wieder nur auf das schauen, was noch fehlt – mehr Leichtigkeit, mehr Geld, mehr Sicherheit, mehr dies, mehr das.
Ich kenne das gut, obwohl ich heute genau das Leben führe, nach dem ich mich so lange gesehnt habe. Ich arbeite selbstbestimmt, begleite wundervolle Frauen und darf tun, was ich liebe, und trotzdem ertappe ich mich manchmal dabei, schon wieder auf das nächste Ziel zu schauen. Das hat weniger mit Undankbarkeit zu tun als damit, dass wir Menschen offenbar einfach so funktionieren. Genau deshalb braucht es immer wieder dieses bewusste Innehalten, das mir hilft zu erkennen, dass Wachstum und Leben gleichzeitig stattfinden dürfen, ohne dass ich deshalb aufhöre, mich weiterzuentwickeln.
Vielleicht ist es gar nicht das ganze Leben, das wir aufschieben, oft sind es einzelne Träume, die wir Stück für Stück auf später verschieben, ohne es überhaupt zu bemerken. Seit Jahren wollten wir unseren Garten fertig gestalten. Ein Teil wurde von einer Firma umgesetzt, dann kam Corona, und wir gingen nach Mexiko. Als wir zurückkamen, blieb der zweite Teil einfach liegen. Er war uns nicht unwichtig, nur ist über die Jahre immer wieder etwas anderes dazwischengekommen, das gerade dringender schien. Ich habe mich oft darüber geärgert, und jetzt entsteht genau dort Lios Grab, ausgerechnet an dem Ort, den wir so lange auf später verschoben haben. Ich hätte mir so sehr gewünscht, dass wir diesen Teil des Gartens aus Freude gestaltet hätten und nicht erst, weil der Schmerz uns dazu gebracht hat.
Genauso war es mit unserem Traum vom Auslandsjahr. Auch den hätten wir beinahe immer weiter verschoben, bis das Leben uns gezeigt hat, dass es vielleicht kein unendliches Später gibt. Wir sind gegangen, und es war eine der besten Entscheidungen unseres Lebens, einfach weil wir aufgehört haben zu warten, obwohl längst nicht alles perfekt war.
Meine heutige Botschaft lautet nicht: Genieße jeden einzelnen Moment, ehrlich gesagt schafft das niemand dauerhaft. Es wird immer Tage geben, an denen wir gestresst, genervt, traurig oder überfordert sind. Ich glaube, dass wir uns immer wieder eine Frage stellen dürfen: Was weiß ich eigentlich schon lange? Welches Gespräch führe ich seit Jahren nicht? Welchen Traum schiebe ich immer wieder vor mir her? Welche Entscheidung wartet darauf, endlich getroffen zu werden? Und gleichzeitig: Was ist heute schon da, das ich für selbstverständlich halte? Beides gehört zum Leben, mutig loszugehen und das Gewöhnliche nicht zu übersehen.
Danke, Lio
Du hast gelebt wie kaum ein anderes Wesen, das ich kenne. Neugierig, frei, verspielt, unerschrocken, ganz im Hier und Jetzt. Du hast nie darüber nachgedacht, ob morgen ein besserer Tag wird, sondern jeden Tag genommen, wie er kam. Du hast Menschen bedingungslos geliebt, Kinder zum Lachen gebracht und uns jeden Tag daran erinnert, dass Freude oft erstaunlich einfach ist.
Ich weiß nicht, warum du so früh gehen musstest, und vielleicht werde ich es nie erfahren. Aber ich weiß, was dein Leben in mir hinterlässt – die erneute Entscheidung und stetige Erinnerung, mein Leben nicht länger aufzuschieben, die Dinge anzugehen, von denen ich tief in mir weiß, dass sie dran sind, Menschen noch öfter zu sagen, dass ich sie liebe, und mutig loszugehen, wenn mein Herz längst Ja sagt, ohne dabei je zu vergessen, dass das Leben nicht erst am Ziel beginnt, sondern genau jetzt stattfindet.
„Das Leben nicht aufschieben“, das ist die Botschaft, die Lio mir hinterlässt. Lebe dein bestes Leben. Heute, nicht irgendwann, so wie Lio es getan hat – mit offenem Herzen, mit Neugier, im vollen Bewusstsein, dass das größte Geschenk ein Leben ist, das wirklich gelebt wird, statt eines, das nur perfekt aussieht.
♡ Deine Leonore

Ich danke dir für die tollen herzerwärmenden Zeilen. Du bringst es auf den Punkt. Das sollte wohl die Botschaft von Lio an uns sein.
In ewiger Erinnerung an einen ganz besonderen Kater in meinem Leben!
Das tut mir so unglaublich leid. Trotz allem Schmerz eine schöne Botschaft … Danke für deinen Text!
Ach Leonore, das tut mir so leid… Ich habe es eben erst gelesen.
Vor zwei oder drei Jahren hatten wir ein ähnliches Wesen hier, einen ganz verspielten, ganz kleinen neugierigen fröhlichen gelb- roten Kater. Er gehörte nicht uns, aber er kam immer zu uns, bis wir uns eingestanden, dass wir beide schockverliebt waren. Er wollte auch über Nacht da bleiben, schlief ganz vertrauensvoll bei uns im Sessel. Aber ich dachte daran, dass er „Besitzer“ hatte, die womöglich auf ihn warteten und setzte ihn draußen auf der Terrasse in einem Stuhl ab, damit er gehen konnte, wenn er wollte. Am nächsten Morgen öffnete ich gerade die Fenster zum Lüften, als ihn ganz kläglich rufen hörte, in Richtung Haltestelle und Straße und sich schnell entfernend. Ich nehme heute an, jemand hat ihn weggetragen. Vielleicht seine Besitzer, die waren ein junges Pärchen aus der Nachbarschaft. Jedenfalls habe ich alle drei nie wieder gesehen. Vielleicht sind sie weggezogen. Aber ich habe tagelang geweint. Das Gefühl des Verlusts war so groß, weil dieser kleine Kater etwas Außergewöhnliches war und an sich hatte. Später wurde ich immer mal wieder von Leuten auf der Straße gefragt, was denn aus dem kleinen süßen roten Kater geworden sei, der immer bei uns rum stromerte.
Ich denke, ich weiß annähernd wie Du Dich fühlst… auch wenn der kleiner Kater nur zwei, drei Wochen bei uns war.